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ZEIT FÜR DIE ANARCHIE


 
über einige missverständnisse bezüglich anarchismus
 
  Weia Reinboud
 
  ATALANTA
UTRECHT 2002 Die Niederlande
Niederländischer Text: 'Tijd voor de anarchie' (1991)
übersetzt von Tatjana Visak.
ISBN 90-73034-36-1


In diesem Büchlein geht es um Anarchismus. Darum, was Anarchismus meiner Meinung nach nicht ist und darum, was es wohl sein könnte. Um Anarchismus, der wenn Du mich fragst, der fröhlichste Ismus ist, den es gibt.
Es ist keine vollständige Gebrauchsanweisung, keine Versammlung von Dogmas, kein Versuch Den Wissenschaftlichen Anarchismus zu präsentieren. Die Meinungen, die in diesem Büchlein in einer ziemlich spontanen Reihenfolge nach vorne kommen, sind stets meine eigenen Ideen. Obwohl es glücklicher Weise schon so ist, dass Diskussionen mit anderen ein ganzes Stück beigetragen haben.
Es ist auf mindestens drei verschiedene Weisen möglich, das Anziehende von Anarchismus zu zeigen.
Die erste ist, einfach zu sagen: 'Entscheide Dich für Anarchismus, denn das tue ich auch, und ich tue das, weil mir Anarchismus so gut gefällt.' Diese in der Reklame gebräuchliche Art, etwas anzupreisen, sagt so ungefähr nichts. Denn Menschen, die ihren eigenen Ismus anziehend finden, werden erst davon abkommen, wenn sie ihn nicht mehr gut genug finden. Die erwähnte Reklamebotschaft befasst einfach zu wenig Informationen um zu bewirken, das sie ihren Ismus nicht mehr mögen.
Die zweite Möglichkeit, um Anarchismus an den Menschen zu bringen, wäre dann auch: viel erklären, was Anarchismus bedeutet und erreichen will. Wird so etwas wirken, werben? Das kommt darauf an. Das Erklären von einem Ismus geschieht meistens unter Verwendung des speziellen Wortschatzes dieses Ismus und das führt im allgemeinen zu Argumentationen, die nur beschränkt gültig sind. Nur diejenigen, die bereits anarchistisch sind, begreifen, warum diese Argumentation das Anziehende des Anarchismus aufzeigt. Etwas, das nur durch die eigene Sippe kapiert wird, bringt Dich natürlich hier nicht weiter. (Was ich hier behaupte, gilt übrigens für alle Ismen. Es ist einfach selten der Fall, dass jeder alles begreift, was von anderen behauptet wird. Fast jeder redet ständig für die eigene Sippe, und die anderen Sippen zucken mit den Schultern. Zum Teil, weil sie die anderen nicht hören wollen, zum grossen Teil aber auch, weil sie sie nicht begreifen, nicht begreifen können, da die anderen eine andere Sprache sprechen.)
Die dritte Methode ist das Präsentieren von Leckereien, die nicht nur anarchistische Menschen lecker finden. Weil Geschmäcke verschieden sind, wird das nicht immer einfach sein. Aber trotzdem kann es sich lohnen, einen Versuch zu unternehmen.
Dies waren die drei Arten, das Anziehende des Anarchismus zu zeigen. Es wird wohl deutlich sein, von welcher der Möglichkeiten ich in dieser Broschüre Gebrauch machen will. Ich tue es, indem ich einige Fragen und Behauptungen aufwerfe, die hoffentlich zum Denken anregen. Vorallem werde ich auf einige Missverständnisse zu sprechen kommen, die über den Anarchismus rundgehen. Sowohl Missverständnisse unter nicht-anarchistischen Menschen als auch solche, die in anarchistischen Kreisen anzutreffen sind.
Ich schreibe alles ziemlich kompakt auf. Einerseits um das Büchlein dünn zu halten, andererseits weil ich ausgebreitetes Vorkauen nicht immer schön finde. Anarchismus fordert, dass Menschen selbst ihr Gehirn benutzen und obwohl selbständiges Nachdenken nicht etwas ist, was uns in der Schule beigebracht wird, gehe ich mit meinem Schreibstil doch davon aus, dass das Geschriebene durchdacht wird. Neme nichts kritiklos an aber verwerfe es auch nicht von vorne herein.
Als Abschluss der einleitenden Sätze ist hier Behauptung 1: 'Reden über den Anarchismus ist nicht möglich.' Es gibt, genau wie bei anderen Ismen völlig abgesonderte Strömungen. Manche Strömungen strömen selbst in eine andere Richtung als die anderen! Ich könnte natürlich probieren, stets alle diese Strömungen zu beleuchten, aber das tue ich nicht. Ich drücke am besten aus, was ich am besten kenne, und das ist meine eigene Form des Anarchismus. Andere sich anarchistisch nennende Menschen werden sich wohl nicht immer damit identifizieren können, aber hoffentlich macht diese Tatsache sie nicht blind für das eventuel Neue, Anregende, das in diesem Büchlein zu finden ist.
Jetzt aber echt beginnen.
Diktatur ist, wenn eine sehr kleine Zahl Menschen bestimmt, was jeder tut. Demokratie ist, wenn die Mehrheit beschliesst, was jeder tut. Es liegt vor der Hand, die Frage aufzuwerfen, ob es möglich ist, auf eine Art zusammen zu leben, wobei viel mehr als die Mehrheit bestimmt, was jeder tut. Was ich dazu sage, steht in Behauptung 2: 'Anarchismus sagt, dass es möglich ist, das jeder bestimmt, was jeder tut.'
Das in einer Diktatur fast jeder unzufrieden ist, spricht für sich. Dadurch, dass in einer Demokratie viel mehr Menschen zufrieden sind als in einer Diktatur, wird diese besser gefunden. Auch das spricht für sich. Daraus folgt allerdings nicht, dass eine Demokratie das Ende ist. Du kannst noch mehr wollen ö aber nicht jeder findet das selbstverständlich. Beim anziehend machen von Anarchie wird deshalb dem Begriff Demokratie einige Aufmerksamkeit gewidmet werden müssen.
Behauptung 3: 'Beim Aufzählen der Vorteile der Demokratie, geht es immer um den Vergleich von Demokratie und Diktatur.' Dem Kuckuck sei dank, dass Demokratie dabei günstiger abschneidet. Behauptung 4 stellt es dann auch richtig: 'Alle Vorteile der Demokratie sprechen natürlich zum Vorteile von allem was besser ist als Diktatur.'
Aber was ist mit den Nachteilen der Demokratie? Und gibt es innerhalb des Demokratismus nicht auch viele Strömungen? Sicher, sicher. Der Blick auf die Organisation des Betriebslebens hier, führt zu Behauptung 5: 'Etwas kann scheinbar schon eine Demokratie genannt werden, wenn ein grosser Teil vom Leben, das Betriebsleben zum Beispiel, nicht demokratisch eingerichtet ist, wenn also noch allerlei Züge der Diktatur anwesend sind.' Ich hätte erwartet, dass Demokraten erst dann zufrieden sind, wenn wirklich nichts im Leben mehr diktatorisch ist, aber scheinbar täusche ich mich. (Das macht nichts, denn ich war sowieso für etwas schöneres als Demokratie.)
In Diktaturen siehst Du bei den Menschen neben Widerstand auch viel Apathie. Es hat nämlich wenig Sinn, darüber nachzudenken, wie Du Dein Leben einrichten willst, denn stets legen andere Dir auf, wie Du zu leben hast. Stets Pläne machen, die doch nie ausgeführt werden können, das kann nerven, das kann sich mies anfühlen.
Wie ist das in einer Demokratie? Schau nach einer echten Demokratie, eine, die ein Stück besser ist als die heutigen Demokratien, eine, in der alles demokratisch geregelt wird. Auch dann noch gilt Behauptung 6: 'In Demokratien haben alle Beschlüsse immer etwas Mittelmässiges.' Denn sind die Meinungen über ein Thema verstreut, so kann nie eine Mehrheit gefunden werden für eine sehr vom Mittleren abweichende Meinung. Dies hat Vor- und Nachteile, was im Weiteren deutlich wird.
Wenn irgendwo etwas Neues, etwas Vorausstrebendes bedacht wird, dann ist das Neue in genau einem Kopf anwesend. Beim Weitererzählen wird das Neue immer durch die Menschen, die es zum ersten Mal hören, erst geprüft werden müssen, erst durchdacht. Es wird geschaut werden müssen, ob das Neue zu demjenigen passt, der es zu hören kriegt. Dieses Durchdenken kostet Zeit und als Folge davon kann sich etwas Neues nie schnell in der Welt verbreiten. Das ist unvermeidlich, und ob Du es gut findest oder nicht, macht nicht mal etwas aus. Eine Folge von dem sich langsam Verbreiten von etwas Neuem ist, dass Du stets verteilte Meinungen siehst, wenn Du Dich umschaust. Manche haben vorausstrebende Ideen, andere haben zurückstrebende Ideen, der Rest steht irgendwo dazwischen.
Daraus volgt, dass in einer Demokratie ein Mehrheitsbeschluss immer zu Unzufriedenheit von zumindest einem der Flügel leiten wird. Diese Unzufriedenheit kann Widerstand hervorrufen, aber es kann auch, wie bei der Diktatur, Apathie entstehen. Wenn Du stets neue Dinge bedenkst, und sie führen nie schnell zu einem Mehrheitsbeschluss und/oder sie dringen nur in verschwommener Form zur Mehrheit durch, dann kann das nerven und zu einem miesen Gefühl leiten. Für diejenigen, die die neuen Dinge bedenken, kann sich eine Demokratie darum auch anfühlen wie eine 'Diktatur der Mehrheit'. Wiederum führt das zu der Bemerkung, dass Demokratie und Diktatur einander ähnlicher sind, als die meisten Demokraten denken. Geht es nicht besser?
Diktatur ist: es wird immer geherrscht. Da gegenüber steht: es wird nie geherrscht. Zwischendrin heisst es: es wird manchmal schon und manchmal nicht geherrscht. Bei 'es wird nie geherrscht' kannst Du an alles mögliche denken. Es geht von völlig aneinander vorbei leben (eine Art Egoismus, eine Art, die anderen nicht zu berücksichtigen) bis zum Gegenteil davon. Eine Frage, mit der ich mich beschäftige ist, was dieses Gegenteil sein könnte. Völliger Altruismus? Anarchismus? Eine schöne Form des Liberalismus?
Liberalismus kommt hier nicht zufällig ins Spiel. Liberalismus und Demokratie werden manchmal für Zwillinge gehalten. Ausserdem geht es beim Liberalismus sehr viel um Freiheit. Genau wie beim Anarchismus. Obwohl die von heutigen Liberalen meist genannte Form von Freiheit, die Freiheit vom Unternehmen (und damit vom Ausbeuten) ist, kann es doch sein, dass es liberale Strömungen gibt, die zu einer fröhlicheren Welt führen. In der Vergangenheit hat es liberale Parteien gegeben, die für einseitige Abrüstung waren und für andere nicht so rechts klingende Dinge. Und ein klassisch liberaler Ausspruch über worum es bei Freiheit geht ist: 'Die Freiheit vom Einen endet, wo die vom Andern beginnt.' Das klingt nicht nach ausbeuten sondern nach 'immer Rücksicht auf einander nehmen'. Nicht wahr? In der Tat: nicht wahr. Ich habe in 'Hoe komen kringen in het water' (nicht übersetzt) ein paar Seiten darüber geschrieben, wie weit liberale und anarchistische Auffassungen von Freiheit auseinander liegen. Das werde ich hier nicht wiederholen. Leben gemäss 'Die Freiheit vom Einen endet, wo die vom Andern beginnt' kann zu einer ziemlichen Verbesserung des Zustandes auf der Welt führen, aber meine Schlussfolgerung in genanntem Buch war, dass in der liberalen Auffassung doch etwas steckt, was dem widerspricht, was mir wünschenswert erscheint.
Die gewöhnlichen demokratischen Liberalen und andere Demokraten, warum herrschen sie manchmal? Warum nehmen sie manchmal keine Rücksicht auf andere? Der Vorteil davon ist einfach anzuzeigen: sobald etwas sehr mieses, etwas ekliges zu entstehen droht, kannst Du es mit Hilfe eines Verbotes und dem dazu gehörigen Zwang zurück drängen. Ein Beispiel siehst Du bei der Frage, ob die Freiheit von Meinungsäusserung auch gilt für (neo)faschistische Meinungen. Eine echt liberale Antwort müsste meiner Meinung nach 'ja' sein, in der demokratischen Praxis jedoch ist die Antwort häufiger 'nein'. Mit dem Vorteil, dass Du nicht viele faschistische Texte unter die Augen kriegst. Es lebe die Demokratie. Oder nicht?
Es scheint, dass die Menschen vom 'Es wird nie geherrscht' nichts gegen faschistische Schriften (um bei diesem Beispiel zu bleiben) ausrichten können. Nur ausrasten vor ärger.
ärger hat schon geführt zum Legen von Bomben und anderen Gewalttätigkeiten. Aber das sind Formen von 'keine Rücksicht nehmen auf andere'! Und damit komme ich zu Missverständnis 1: 'Anarchisten sind Bombenleger.' Ich komme nicht viel weiter mit der Entgegnung, dass viele anarchistische Menschen nie eine Bombe gelegt haben und auch sonst nichts Gewalttätiges getan haben. Dies würde das Missverständnis nur reduzieren zu 'Manche Anarchisten sind Bombenleger.' Und das ist nach meiner Einsicht noch immer ein Missverständnis.
Es ist, denke ich, anders. 'Anarchie' als Wort bedeutet wörtlich 'kein Herrscher' und bezeichnet also einen Zustand ohne überherrschung. Nun scheint es mir ein sehr deutlicher Fall von überherrschen zu sein, anderen mit Hilfe einer Bombe in die andere Welt zu versetzen. Und deshalb behaupte ich ganz einfach, dass Bombenwerfen nie eine anarchistische Tat sein kann. Missverstand 1 ist damit zu Behauptung 7 geworden: 'Es ist möglich, dass Menschen meistens anarchistisch sind, im Moment wo sie ein Bombe werfen jedoch, begehen sie eine nicht-anarchistische Tat.' Der 'Anarchismus der Tat' (wobei damit das Legen von Bomben gemeint war), der vor einem knappen Jahrhundert in Mode war, gehört meiner Meinung nach also nicht zum Anarchismus. (Diese Meinung kommt darauf hinaus, dass Ziele und Mittel zusammen fallen sollen. Doch darauf gehe ich nicht weiter ein.)
Es ist schade, dass viele nicht-anarchistische Menschen meinen, dass einige Auswüchse das Bild des Ganzen bestimmen würden, doch das bringt mich nicht dazu, ein anderes Wort für Anarchismus zu suchen. ('Libertarismus' und 'Frei-Sozialismus' sind zwei der stellvertretenden Worte.) übrigens: wenn es logisch ist, durch einige Auswüchse das ganze infiziert zu finden, dann ist es logisch, jeden Christen einen Völkermörder zu nennen, jeden Islamisten einen Schriftstellermörder und so weiter. Diese Logik ist nicht die meine.
Wie manche sich anarchistisch nennende Menschen zum Bombenlegen gekommen sind, das habe ich bereits gesagt. Behauptung 8 fasst es zusammen: 'Anarchismus hat keine Mittel um einen Damm gegen faschistische Schriften zu errichten und keine Möglichkeiten, Supermuskeln zu besiegen.' Ausrasten hilft natürlich nicht echt! Folgt daraus, dass Anarchismus ein lascher Ismus ist? Nein. Behauptung 9: 'Aus der Tatsache, dass Anarchismus nicht für alles eine Lösung hat, folgt nicht, dass alles vom Anarchismus keine Lösung ist.'
Zwischendurch noch etwas klarstellen: manche Demonstranten bringen eine Art zwingendes (und sloganmässiges) Verhalten zum Vorschein, wovon ich mich frage, ob es ein Versuch ist, in keiner Weise zu herrschen aber doch, ohne lange Erklärungen, Veränderungen voran zu bringen. (Ich beziehe mich hier auf Aktionen, bei denen nicht direkt gefordert wird, dies oder jenes zu verbieten. Das diese Aktionen nicht anarchistisch sind, ist völlig klar.) Herrschen ist direktes Zwingen, drohen mit Gewalt nämlich. Jede andere Zwingerei kannst Du als eine Variante davon ansehen. Ist jede Art von Drohungen ausdrücken also eine Art von herrschen? Um die Diskussion anzuregen, sage ich: ja. (Ansonsten hätte ich gesagt: es ist eine Art Verzweiflung über das notwendig langsame Tempo des Ausbreitens von Gedankengut.)
Pass auf: ich meine mit dem vorigen Abschnitt nicht, dass Du die Menschen, die (Deiner Meinung nach) schlechte Meinungen haben auf alle Fälle vorsichtig anpacken musst. Dies wäre dann die höfliche Art, auf einander Rücksicht zu nehmen, und Höflichkeit liegt mir nicht so. Aber wohl kannst Du darauf Rücksicht nehmen, dass Du Deine Gedanken nicht ohne Weiteres in andere Köpfe pumpen kannst. Im allgemeinen ist sehr viel Mühe nötig, um heraus zu finden, wie ein Gedanke, der zu einem anderen nie durchgedrungen ist, doch noch durchdringen kann. Gehirnwäsche kann dafür nie eine Lösung sein, finde ich. 
In den vorigen Zeilen geht es eigentlich schon um Missverständnis 2: 'Aktiv sein ist Anarchismus.' (Aktiv sein bezieht sich hier auf das Teilnehmen an politischen, kritischen Aktionen.) Obwohl eine Menge anarchistische Menschen aktiv sind in solchen Aktionen, trifft die Umkehrung nicht ohne Weiteres zu. Bei weitem nicht alle Aktionen sind anarchistisch, und bei einigen erscheint nach meinem Geschmack zu leichtfertig ein A. Eine Aktion kann meiner Meinung nach nie mehr sein, als eine Art Reklame machen für eine bei vielen unbekannte Idee. Genau wie bei anderen Werbebotschaften reicht der Einfluss der Aktion nicht sehr in die Tiefe, und ohne eine tiefsinnigere Fortsetzung hat eine Aktion nur wenig Sinn. (übrigens können demonstrieren und Reklame machen nicht echt über einen Kamm geschert werden. Beides sind Möglichkeiten, eine Botschaft auszurufen, aber bei der Demonstration kommt diese direkt aus dem Herzen, während dies bei Reklame selten der Fall ist. Aber das lateinische Wort 'reclamare' bedeutet 'laut ausrufen' und 'laut protestieren'. Letzeres passt besser zu Demos als zum heutigen Werbegeschäft.)
Ich bin etwas abgekommen vom Schreiben über die Nachteile der Demokratie. Als Nachteil habe ich angeführt, dass demokratischen Beschlüssen immer etwas Mittelmässiges anhaftet und ich habe behauptet, dass deshalb Apathie/Denkfaulheit eine Nebenwirkung der Demokratie sein kann. Es gibt noch einen Nachteil, der jedoch nicht an jeder Form der Demokratie haften muss.
Dass eine Diktatur etwas Totalitäres ist, ist deutlich. Dass die Demokratie auch totalitäre Züge haben kann, ist weniger deutlich. Ich meine hiermit die Arten von Demokratie, wofür gilt: 'Was nicht erlaubt ist, ist verboten.' Eine Menge Demokraten wollen nicht nur für Ausnahmen Regeln bedenken, sondern für alles. Die Folge: durch Regelchen werden allerlei neue Dinge, allerlei Experimente erschwert ö etwas das ich fast täglich erfahre. In so einem Fall entmutigt die (totalitäre) Demokratie absichtlich vorausstrebende Ideen. Dies geht dann noch weiter als dass demokratische Beschlüsse immer mittelmässig sind. (Die Demokratie wird manchmal 'liberale Demokratie' genannt, mir scheint jedoch, dass eine echt liberale Demokratie nie solche totalitäre Züge aufweisen könnte. Ich höre Liberale allerdings kaum protestieren, also irre ich mich vielleicht in ihrer Anti-Totalitarität. Oder sie irren sich, was Liberalismus sein kann.)
Von der Neigung, alles regeln zu wollen, die bestimmte Demokraten haben, kann ich zu Missverständnis 3 springen: 'Anarchie ist Chaos, Anarchisten sind Chaoten.' Erster Kommentar: dass nicht-anarchistische Menschen sich einen Zustand ohne Leitung nur chaotisch vorstellen können, ist kurzsichtig. In einem Zustand mit Leitung ist es so, dass die Leitung bedenkt, wie alles sein muss, und diese Leitung besteht aus Menschen. Wenn Anarchie chaotisch ist, muss also auch Nicht-Anarchie chaotisch sein, da das offensichtlich menschlich ist. Ich sehe jedenfalls nicht, wieso es ein Vorteil sein sollte, wenn nur wenige (die Leitenden) nachdenken.
Nächster Kommentar: manche halten es für einen starken Punkt des Anarchismus, dass davon ausgegangen wird, dass jeder denken kann, andere sehen dies gerade als einen schwachen Punkt. Das Problem ist natürlich dadurch gegeben, dass mitten unter schöne Dinge bedenkenden (anarchistischen) Menschen einige Andersdenkende die Sache vermasseln können. Die Lösung von Nicht-Anarchisten ist es, Leiter einzuschalten und Regeln auszudenken und Zwangsmassnahmen für den Fall, dass etwas nicht klappt. Anarchistische Menschen finden, dass diese Lösung des Problems selbst Probleme verursacht. Das grösste Problem ist, dass Zwang Menschen dickköpfig und auf andere Weisen lästig machen kann. Andere Probleme sind die Neigung zur Apathie und die Neigung, alles zu verbieten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. In einer echt guten Demokratie sind diese Neigungen aber viel weiniger gegeben oder selbst abwesend. Und ich will Anarchismus vergleichen mit der best möglichen Form der Demokratie und nicht mit dem belämmerten Zustand, den ich Menschen jetzt als Demokratie ausrufen höre. Wenn ich von jetzt an über 'Demokratie' rede, meine ich also etwas, das noch nicht besteht: eine Gemeinschaft, in der nur das verboten ist, was nach Meinung der Mehrheit ungewünscht ist. Dabei wäre zu denken an morden, Frauen misshandeln, Zinsen verlangen (?!), manche Volksgruppe wegschicken, sauren Regen verursachen, Abfall über die Natur ausschütten und noch viel mehr. Und wenn ich über 'Anarchie' rede, meine ich einen Zustand, in dem Bosheiten ohne Verbotsbestimmungen, sozusagen 'von selbst' abwesend sind. Dieses 'von selbst' steht in Anführungszeichen, da von selbst meistens nicht so von selbst ist.
Weiterer Kommentar zu Missverständnis 3: nicht-anarchistische Menschen bezeichnen mit dem Wort 'Anarchismus' 'jeden Zustand ohne Herrscher' während anarchistische Menschen 'einen (bestimmten) Zustand ohne überherrschung' meinen. Dies ist kein subtiler Unterschied. Denn meistens, wenn nicht-anarchistische Menschen von Anarchie reden, geht es um Fälle von Plünderung, Bürgerkrieg und mehr solcher unbeliebter Dinge. Nach der Meinung anarchistischer Menschen sind dies Fälle von überherrschung, die also unmöglich 'Anarchie' genannt werden können. Es wäre mir sehr recht, wenn nicht-anarchistische Menschen aufhören würden mit der Verwendung des Wortes Anarchie und die Definition davon den Menschen überlassen würden, die aus Anarchie einen 'Ismus' gemacht haben!
Weiter mit dem Kommentar. Lästiges Chaos passt nicht zu Anarchie, aber gibt es auch brauchbares Chaos? Wenn Menschen im Chaos verschwinden wollen, braucht ihnen keine Hürde in den Weg gelegt zu werden, doch daraus folgt nicht, dass Anarchismus chaotisch sein muss. Denn Menschen, die selbst denken wollen, können zum Beispiel auch über Zusammenarbeit nachdenken. Zusammenarbeit kann doch sehr unchaotisch sein, stimmt's?
Wie ist es dann doch möglich, dass eine Menge anarchistischer Unternehmungen chaotisch verlaufen und dass manche sich anarchistisch nennende Menschen selbst stolz sind auf ihren Chaotismus? Behauptung 10: 'Wo streitige Meinungen nebeneinander stehen, kann leicht Chaos entstehen.' Das gilt sowohl, wenn es um die Meinungen verschiedener Menschen geht als auch von Meinungen, die zusammen in einem Hirn wohnen. Im ersten Fall kann chaotische Zusammenarbeit, im zweiten Fall eine chaotische Person entstehen. Du kannst mit nebeneinander stehenden Meinungen drei Dinge tun. Die autoritäre Methode ist es, etwas zu unterdrücken. Du kannst, und das ist die zweite Methode, die Meinungen auch einfach nebeneinander stehen lassen. Dann tritt Chaos auf, das heisst, es passiert weniger, als Du wolltest. Die dritte Methode ist, herauszufinden, wo die Unterschiede liegen und dann zu schauen, ob eine der nebeneinander stehenden Meinungen den Vorzug verdient.
Selbst bevorzuge ich sehr stark die dritte Methode. Meinungen einfach nebeneinander stehen lassen (gefolgt von schlaffen und/oder chaotischen Situationen, die dabei entstehen können) liegt mir nicht so. Um zu provozieren komme ich dann auch mit Behauptung 11: 'Wo Anarchismus und Chaos Hand in Hand gehen, ist Sprache von der Apathie, die viele nicht-anarchistische Menschen kennzeichnet.' Oder anders gesagt: ich sehe nicht, wieso Denkfaulheit zu Anarchismus gehören sollte. Aus dem anarchistischen Vorzug für das Selbstdenken von jedem Menschen, folgt in der Tat nicht, dass Menschen auch denken müssen, aber Du kannst bestens austragen, dass es nichts schadet, die Denkmöglichkeit vollständig zu nutzen. In anderen Zusammenhängen habe ich es bereits öfters gesagt: bilde Philosophierclubs!
Zwischendurch ein kleiner Seitensprung. Behauptung 12: 'Meinungen einfach nebeneinander stehen lassen, hat mehr mit Liberalismus als mit Anarchismus zu tun.' Es wird mir selbst etwas übel von dem ständigen 'Du musst andere respektieren', oder 'Toleranz ist wichtig', was ich in dieser liberalen Gegend oft zu hören kriege. Andere frei lassen, ja natürlich, selbstverständlich, was solltest Du sonst. Aber daraus folgt nicht, dass alles in Unverbindlichkeit schweben muss. Mit dem respektieren und tolerieren wird im allgemeinen gemeint, dass Du nichts darüber sagen darfst, was andere tun. Ich kapiere ja, dass dieses nichts sagen dürfen ein Versuch ist, Autorität zu vermeiden. Aber dazu sehe ich bessere Methoden. Kritisieren ist nicht unbedingt das gleiche, wie zu sagen, dass jemand dies oder jenes tun muss. Dass aber doch viele Menschen denken, dies würde zusammen gehören, scheint mir die Folge des Lebens in einer (mehr oder weniger offenbar) autoritären Umgebung. (Und die Folge einer autoritären Erziehung.) In einer nicht-autoritären Umgebung gibt es immer die Möglichkeiten, entweder die verschiedenen Meinungen einfach nebeneinander stehen zu lassen, oder sich damit auseinanderzusetzen. Keine dieser Möglichkeiten ist autoritär, aber die erste führt zu mehr nebeneinander her leben, die zweite zu mehr zusammen leben. 
Ich komme sogar mit Behauptung 13: 'Kritik in die Welt zu schicken, ist die einzige Möglichkeit, die anarchistische Menschen haben, um Auswüchse wie Faschismus anzupacken.' Du verhinderst mit Deiner Kritik vielleicht nicht, dass ein anderer faschistische Gedanken hat (doch selbst faschistische Menschen können sich ändern·), aber Du schickst Ideen in die Welt, die verhindern können, dass noch mehr Faschismus entsteht. Dabei ist es, denke ich, schon nötig, dass Deine Kritik allerlei Bedingungen erfüllt. Slogans sind zu mickrig. Und das ist schon wieder ein Grund, Philosophiergruppen aufzurichten. Je mehr Ihr untereinander über etwas redet, desto besser lernst Du, Deine Kritik in Worte zu fassen und desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass in der Zukunft nicht mehr entsteht, was Du jetzt so schlecht findest. (Wobei (Neo)Faschismus nur eines der vielen Beispiele ist.) 
Noch etwas über das eventuel Autoritäre des Kritisierens. Letztens sass ich im Zug und darin war eine Mutter die ganze Zeit auf autoritäre Weise mit zwei Kindern, J und J genannt, beschäftigt. Die Kinder taten ziemlich nichts, und trotzdem sah die in Jeansanzug gekleidete (also nicht gerade rechts aussehende) Mutter Anlass für ein 'J und J, setzt Euch hier hin' oder ein 'J und J, hört was Eure Mutter sagt'. (Als sie rief 'Ich sag's nur noch ein einziges Mal', dachte ich 'ha, prima', aber ich glaube, dass sie etwas anderes meinte·) Was mir so sehr aufviel war nicht mal das völlig altmodische dieser Art Erziehung, sondern vorallem, dass autoritäres Verhalten nicht zusammenfällt mit Erklärungen geben. Eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Kindern und ihr bleibt also wahrscheinlich bestehen, auch wenn die Kinder tun, was sie befiehlt. (Die Probleme später in der Pubertät kann man schon raten.) Autorität ist also eine Art, Probleme auf später zu verschieben. Eine anarchistische Art, mit Kindern (von 0 bis 121 Jahren) umzugehen, sieht natürlich anders aus. Ich denke da an drei Punkte: nicht befehlen, sondern Erklärungen geben, wenn Du etwas fragst oder anmerkst, und einer Diskussion nicht aus dem Weg gehen. Wenn Du die letzten beiden Punkte weg lässt, dann führt das schnell zu Unverbindlichkeit, einer Art von Chaos. Und dies nannte ich in Behauptung 12 liberal.
Das äussern von Kritik finde ich wichtig, siehe unter anderem Behauptung 13. Kritik jedoch wird von vielen Menschen in dieser Gegend moralistisch gefunden. Behauptung 14: 'Moralismus, falls das überhaupt existiert, kann nichts von anarchistischen Menschen sein.' Wenn nämlich ein anderer Dich kritisiert, in welchem belehrenden Ton es auch sei, macht die Kritik Dir rein gar nichts, wenn Du darin nicht inhaltlich etwas Interessantes findest. Und umgekehrt: wenn inhaltlich etwas in der Kritik steckt, dann kannst Du sie einfach fröhlich aufnehmen. Warum flippen so viele Menschen aus, wenn sie kritisiert werden? Ich habe darüber eine einfache, widerborstige Meinung: wenn Menschen etwas moralistisch finden, ist es so, dass sie die Logik von der Kritik schon einsehen (das heisst: es ist die selbe Logik, die sie in ihrem Kopf haben), aber sie wollen trotzdem nichts mit der Kritik tun (was bedeutet, dass sie aufgedeckte Unlogik in ihrem Kopf so liegen lassen wollen). Folge: sie fühlen sich unwohl und geben demjenigen die Schuld dafür, der sie kritisiert hat. Weil sich diese Art Unwohlsein unfrei anfühlt, denken sie, dass der andere herrschen wolle oder so. Wenn Du mich fragst, ist das ziemlich unsinnig. Eine Art Denken, die bei anarchistischen Menschen nicht vorkommt (jedenfalls nicht vorkommen muss).
Ich denke, dass jetzt über Chaos (mit dem dazugehörenden Chaos meiner Abschweifungen) genug gesagt ist. Anarchistische Menschen müssen nicht chaotisch sein, anarchistische Zusammenarbeit muss nicht durch Chaos unmöglich gemacht werden, autoritäre Lösungen sind nie notwendig. Tiefgang ist eine schöne Alternative für sowohl Chaos als auch Autorität.
Jetzt etwas, das ich einen Missverstand nenne, obwohl viele anarchistische Menschen dies seltsam von mir finden werden. Missverständnis 4: 'Anarchismus ist ein ethischer Ismus, basiert auf der Idee, das Menschen im Herzen gut sind.' Ich denke, dass es überhaupt nicht nötig ist, zu behaupten, dass Menschen gut sind. Oder schlecht. Du hast genug mit: Menschen haben die Möglichkeit, nach allen Richtungen zu gehen. Sie haben die Möglichkeit, andere mies zu behandeln, auszusaugen oder was auch immer. Sie haben die Möglichkeit, sich selbst aufzuopfern. Sie haben aber auch die Möglichkeit, auf nach meinem Geschmack anziehende Weise mit einander und der Welt umzugehen. Achte auf das Wort Geschmack!
Es geht nicht darum, das Gute zu wählen, wenn Du nach einer anarchistischen Welt strebst. Es ist oft einfach nur eine Frage der Logik. Wenn Du selbst nicht überherrscht werden willst, dann tust Du gut (!) daran, selbst auch nicht zu überherrschen, denn Du könntest andere damit auf eine Idee bringen. Wenn Du bestimmte Ideen zum Mond schicken willst und wenn Du Deine Ideen über die Welt verbreiten willst, dann tust Du gut daran, das Stadium der Slogans zu verlassen. Und so weiter.
Wenn Du damit beschäftigt bist, wird es oft so aussehen, als würdest Du das Gute tun, und doch bleibe ich dabei, dass es nicht das Gute, sondern das Schlaue ist. Auch wenn dieses Schlaue zusammenläuft mit dem in vielen Kulturen üblichen (oder üblich gewesenen) 'Was Du nicht willst, was man Dir tut, das füg' auch keinem Andern zu'. Wenn Du darin das Gute siehst, dan tust Du, als wäre es eine Art Güte, die anderen nicht mies zu behandeln, denn Du könntest es schliesslich auch wohl tun. Es ist meiner Meinung nach aber keine Güte. Ich habe selbst keine Lust, gequält zu werden, also bin ich so clever, keine Quälerei zu provozieren. Die einfachste Methode ist dann, so zu leben, dass die anderen darin vorgeführt sehen, wie es auch möglich ist. Vielleicht kommen die anderen dadurch auf eine Idee. Jedenfalls kommt dann schonmal eine Art Ruhe, 'logische Ruhe' in mein Leben und das allein ist schon prima. Das gibt mir Zeit, mehr nachzudenken, wie die Welt anarchistisch(er) zu machen ist. Dabei bringt es mir nichts, ein bestimmtes ethisches Denksysthem durchzudrücken, denn die Idee, dass Menschen gut wären, siehst Du täglich entkräftigt werden.
Auch bringt es nichts, zu behaupten, dass Menschen 'verfremdet' sind. Damit würde ich meinen eigenen Ideen eine allgemeine Wahrheit andichten, und ich sehe wirklich keinen Nutzen darin, so zu tun, als hätte ich die Wahrheit gepachtet. Ausserdem kommst Du damit, dass andere 'verfremdet' sein sollen, kein Stück weiter, denn das Wesen der Verfremdung ist gerade, dass das 'Wahre' nicht gesehen werden kann. In dem Fall hilft es nichts zu sagen, dass Verfremdung im Spiel ist. Probiere lieber, Deine Kritik einfach auf so viele Arten wie möglich zu äussern, und vielleicht findest Du eine Methode, die noch nie ausprobiert wurde und die plötzlich doch zu Veränderungen führt. Jeder weitere Versuch ist einer.
Missverständnis 5: 'Anarchismus ist als Ideal sehr schön, aber es ist in der Praxis unmöglich.' Es kann alles mögliche dahinter stecken, wenn Menschen mit diesem Missverständnis ankommen. Etwas in der Richtung von 'Menschen haben nun mal Regeln nötig'. Darauf antworte ich: 'Oh, wenn Du Regeln nötig hast, dann kann ich sie sofort gratis für Dich machen.' Oder es wird etwas angeführt wie: 'Es wird immer Menschen geben, die es vermasseln.' Dann sage ich: 'Gehörst Du zu denjenigen, die dafür sorgen, dies zu verhindern oder gehörst Du zu denen, die sich so läppisch um nichts kümmern?' Oder die Frage ist: 'Wie soll das gehen, wenn Ihr aufeinmal die Gefängnisse öffnet, die ökonomie auf den Kopf stellt und so weiter?' Darauf antworte ich: 'Anarchistische Lösungen wirken für anarchistische Menschen, es wäre demzufolge nur möglich 'auf einmal' alle Gefängnistore zu öffnen wenn es schon eine grosse Masse anarchistischer Menschen gäbe, ansonsten würden nicht-anarchistische Menschen es mit Gewalt verhindern, Deine Frage ist also eine verkehrte.'
Missverständnis 6: 'Anarchismus ist per Definition widerborstig.' Es gibt sicher anarchistische Menschen, die darin stecken bleiben, immer nur auf etwas zu reagieren. Es gibt welche, die immer nur 'Dagegen, dagegen' rufen. Und es gibt wohl auch einige, die meinen, sie müssten herausragen, aus der Mittelmässigkeit. Aber meiner Meinung nach hängst Du dann noch immer fest am Bestehenden, am Mittelmass. Anarchismus ist eine Hand voll Streben, wie das Leben in der Zukunft werden kann. Dies auszutiefen, da schon mal nach zu streben, das macht Dich in den Augen vom Rest sicher widerborstig, doch das ist nicht das gleiche als selbst das Mittelmass als Massstab zu nehmen, um sich dagegen abzusetzen.
Und dann Missverständnis 7: 'Anarchismus ist schwierig, davon wird man nicht fröhlich.' Wenn Du Dich in anarchistischen Kreisen umschaust, kannst Du dies manchmal annehmen. Sie beschäftigen sich vor allem damit, wogegen sie sind und nicht damit, wofür sie sind. Gegen alles mögliche zu sein, liegt in dieser Welt vor der Hand. Aber wenn Du Dir dadurch die Laune vermiesen lässt, geht etwas nicht gut. Dann lässt Du die anderen (die 'Schlechten', den 'Feind') als Bonus auf ihrer Zerstörerei auch noch herrschen über Deine Laune. Das würde ich nie zulassen! Ich finde einfach, dass das Bauen an einer schöneren Welt, an Freiheit, an Anarchismus also, eine ziemliche Aufgabe ist, wovon mir jeder Schritt Spass macht. Ich würde natürlich gerne sehen, dass alles viel schneller geht, aber wenn es nicht geht, dann geht's halt nicht. Das ich mit meinem Streben weiter mache, da geht es drum. Das fröhliche Gesicht, das dazu gehört, scheint mir die beste 'Reklame' für Anarchismus.
Missverständnis 8: 'Anarchistische Menschen sind nie einer Meinung.' Ich denke nur 'Oh', wenn ich das höre. Es scheint mir sehr gesund, Deine Meinung nicht zu ändern, wenn Du dazu keinen Anlass siehst. Keine Verwischung, keine Kompromisse und so. Aber daraus folgt nicht, dass Du Deine Meinung nie veränderst. Oder das Veränderungsbereitschaft etwas Anstössiges wäre. Oder das es nicht schön sein könnte, über Meinungsverschiedenheiten zu reden. Anarchismus besteht nun einmal nicht aus einfach nachzubetenden Dogmas. Anarchistische Menschen ordnen sich nicht Der Linie, Der Gruppe, Der Front oder Dem Ziel unter. Also gibt es verschiedene Meinungen. Vertusche das nicht.
Missverständnis 9: 'Anarchistische Menschen können nicht zusammenarbeiten.' Hier ist wieder ein 'Oh' angebracht. Aus dem vorigen Missverständnis folgt höchstens, dass anarchistische Menschen, die nicht einer Meinung sind, nicht zusammenarbeiten können. Es scheint mir gesund, Zusammenarbeit sein zu lassen, solange Ihr Euch nicht geeinigt habt! (Dass nicht-anarchistische Menschen manchmal behaupten, mit anarchistischen Menschen nicht zusammenarbeiten zu können, zeigt, denke ich, vor allem, dass sie Unterordnung, Mitläufertum oder selbst sklavische Unterwürfigkeit erwarten.)
In diesem Büchlein geht es bis jetzt vor allem darum, was Anarchismus nicht ist. Nur nebenbei wird das eine oder andere davon deutlich, was Anarchismus wohl ist und wohl sein kann. Darüber will ich jetzt noch etwas mehr schreiben.
Ist Anarchismus ein Ismus, der genau wie der Liberalismus die Wichtigkeit des Individuums betont? Ich antworte: nein. Ist Anarchismus dann eine soziale Theorie? Ich antworte wiederum: nein. Bei beiden Verneinungen habe ich mich selbst als Massstab genommen. Ich bekomme ein ziemlich ungutes Gefühl beim Lesen liberaler Schriften, in denen das Individuum so im Mittelpunkt steht. Genauso ungut fühle ich mich bei Behauptungen, nach welchen der Mensch nur ein Schalterchen in etwas Grösserem ist. Schalterchen im Klassenstreit, aufkommend für das Vaterland, sich aufopfernd für Die Zukunft von Der Menschheit und so weiter.
Ist es nicht widersprüchlich, zweimal 'nein' zu antworten? Ich kann nur eine Art finden, diesem Widerspruch zu entkommen, und die bringe ich in Behauptung 15 unter Worte: 'Anarchismus strebt nach der vollständigen Aufhebung des Gegensatzes zwischen individuellem und allgemeinem Belang.' Strebt also danach, das Wort 'Belang' völlig überflüssig zu machen. Ich gebrauche meinen Verstand, um mir Ziele auszudenken und Wege, wie ich diese Ziele erreichen kann. Es gibt natürlich ein gutes Gefühl, wenn ich mit dem Erreichen dieser Ziele Erfolg habe. Und es gibt mir (hoffentlich) auch ein gutes Gefühl, wenn andere um mich herum gute Gefühle kriegen durch das Erreichen ihrer Ziele. Wenn ich meinen eigenen Kopf dabei als Ausgangspunkt nehme, verbinde ich damit direkt, dass es für andere Köpfe möglich sein muss, einen gleichen Platz in der Welt einzunehmen. (Wird Anarchismus dadurch mehr als der fröhlichste Ismus, der Fröhlichkeit-Ismus nämlich?)
Wie ist es dann, wenn Du ein gutes Gefühl bekommst durch das Verwirklichen Deiner Ziele, während andere dadurch schlechte Gefühle bekommen? Musst Du Dich unterordnen an eventuelle Beschwerden von denen, die nicht mit Dir einer Meinung sind? Nein, sage ich. Es muss echt ausreichen, wenn Du Dich fragst, ob Deine Ziele zugleich die der ganzen Welt sein könnten. Wenn das Verwirklichen Deiner Ziele dann keine Beschwerden verursacht, dann ist nichts falsch mit Deinen individuellen Zielen. (Ausbeutung, stets mehr eigenen Besitz haben wollen, Zinsen verlangen, die Luft verschmutzen, dies sind Dinge, die nicht möglich sind, wenn jeder sie zugleich in die Praxis bringen will. 'ökologie' und 'Ethik' sind also im Erwähnten bereits enthalten.)
Das Zusammenfallen von individuellem und allgemeinen Interesse muss keineswegs zu völlig gleichen Menschen führen. Verschiedene Geschmäcker können selbstverständlich bestehen bleiben. Aber daraus folgt nicht, dass es prima wäre, Geschmäcker auf Kosten anderer auszuleben. Bei so etwas wie rauchen ist das sehr deutlich: das Verwirklichen von diesem seltsamen Raucherziel, ist nicht gleichzeitig möglich mit dem Wunsch nach frischer Luft von denen, die Chemikalien nicht über ihr Denken und Fühlen herrschen lassen wollen. In Anwesendheit von anderen zu rauchen, ohne erst nach Zustimmung zu fragen, kann meiner Meinung nach kein anarchistisches Verhalten sein. (Was das betrifft, geht es übrigens jetzt etwas besser in 'der Bewegung') Ein anderes Beispiel ist Saxophon spielen. Ich finde es ja echt schade, dass der Häuserbau so ist, dass Du Dich akustisch nicht zurückziehen kannst, dass Du andere ungebeten mit Deinen Geräuschen belästigst. In einem anarchistischen Dorf würde ich das ganz anders wollen.
Dann fasse ich zum Schluss in zwei Behauptungen zusammen, worauf meiner Meinung nach das Streben nach Anarchismus beruht und warum ich darauf solche Lust habe.
Behauptung 16: 'Anarchismus will, dass Individuen sich völlig entfalten können, dass Menschen nur auf freiwilliger Basis zusammen arbeiten und dass für alle Handlungen gilt, dass sie von jedem zu gleicher Zeit und ständig getan werden können.' Mir scheint, dass diese Behauptung genug sagt über die soziale Logik der Anarchie. Weitere Worte hast Du nicht nötig, schon gar keine geschwollenen.
Behauptung 17: 'In der Geschichte kannst Du sehen, dass Wissen wächst, dass Erkenntnisse sich verändern; nicht immer in eine tolle Richtung, aber oft auch doch; manche Entwicklungen deuten darauf, dass schliesslich Anarchismus am anziehendsten gefunden werden wird.' Das ist eine ziemlich dreiste Behauptung. Und doch denke ich es. Früher gab es Streit zwischen Hilversum (ein Dörfchen) und Naarden (ein Städtchen), oder probierten Holland und Gelderland zusammen Utrecht von der Landkarte zu fegen (was an den heutigen Grenzen der Provinz Utrecht noch zu sehen ist). Das finden wir heute ziemlich unvorstellbar, und es ist möglich (aber nicht sicher), dass auf dieser Linie weiter gedacht wird, bis schliesslich überall die Art Frieden ist, wie zwischen Hilversum und Naarden. Oder das Grenzen überall so unbemerkbar sind wie die zwischen Utrecht und Gelderland. Eine Frage von an der eigenen Nase vorbei schauen.
Gleiches gilt für Umweltverschmutzung oder für noch andere Probleme. Es ist stets eine Art Kurzsichtigkeit, die bewirkt, dass es nicht gut läuft. Kurzsichtigkeit nimmt jedoch ab, mit der Zunahme von (manchen Sorten) Wissen. Vor fünfzig Jahren rauchten fast alle Männer, und einfach so, ohne Zwang, wurde das schon ein ganzes Stück besser. Wissen kann durchdringen. Also·? Zeit für die Anarchie! ≠

Hier werden nochmal alle Behauptungen und Missverständnisse wiederholt, falls Du sie kopieren willst oder etwas anderes damit tun willst. Obwohl es natürlich nicht alle möglichen Behauptungen und Missverständnisse sind·

Behauptung 1: 'Reden über Den Anarchismus ist nicht möglich.'
Behauptung 2: 'Anarchismus sagt, dass es möglich ist, dass jeder bestimmt, was jeder tut.'
Behauptung 3: 'Beim Aufzählen der Vorteile der Demokratie, geht es immer um den Vergleich von Demokratie und Diktatur.'
Behauptung 4: 'Alle Vorteile der Demokratie sprechen natürlich zum Vorteile von allem was besser ist als Diktatur.'
Behauptung 5: 'Etwas kann scheinbar schon eine Demokratie genannt werden, wenn ein grosser Teil vom Leben, das Betriebsleben zum Beispiel, nicht demokratisch eingerichtet ist, wenn also noch allerlei Züge der Diktatur anwesend sind.'
Behauptung 6: 'In Demokratien haben alle Beschlüsse immer etwas Mittelmässiges.'
Behauptung 7: 'Es ist möglich, dass Menschen meistens anarchistisch sind, im Moment wo sie eine Bombe werfen jedoch, begehen sie eine nicht anarchistische Tat.'
Behauptung 8: 'Anarchismus hat keine Mittel um einen Damm gegen faschistische Schriften zu errichten und keine Möglichkeiten, Supermuskeln zu besiegen.'
Behauptung 9: 'Aus der Tatsache, dass Anarchismus nicht für alles eine Lösung hat, folgt nicht, dass alles vom Anarchismus keine Lösung ist.'
Behauptung 10: 'Wo streitige Meinungen nebeneinander stehen, kann leicht Chaos entstehen.'
Behauptung 11: 'Wo Anarchismus und Chaos Hand in Hand gehen, ist Sprache von der Apathie, die viele nicht-anarchistische Menschen kennzeichnet.'
Behauptung 12: 'Meinungen einfach nebeneinander stehen lassen, hat mehr mit Liberalismus als mit Anarchismus zu tun.'
Behauptung 13: 'Kritik in die Welt zu schicken, ist die einzige Möglichkeit, die anarchistische Menschen haben, um Auswüchse wie Faschismus anzupacken.'
Behauptung 14: 'Moralismus, falls das überhaupt existiert, kann nichts von anarchistischen Menschen sein.'
Behauptung 15: 'Anarchismus strebt nach der vollständigen Aufhebung des Gegensatzes zwischen individuellem und allgemeinem Belang.'
Behauptung 16: 'Anarchismus will, dass Individuen sich völlig entfalten können, dass Menschen nur auf freiwilliger Basis zusammen arbeiten und dass für alle Handlungen gilt, dass sie von jedem zu gleicher Zeit und ständig getan werden können.'
Behauptung 17: 'In der Geschichte kannst Du sehen, dass Wissen wächst, dass Erkenntnisse sich verändern; nicht immer in eine tolle Richtung, aber oft auch doch; manche Entwicklungen deuten darauf, dass schliesslich Anarchismus am anziehendsten gefunden werden wird.'

Missverständnis 1: 'Anarchisten sind Bombenleger.'
Missverständnis 2: 'Aktiv sein ist Anarchismus.'
Missverständnis 3: 'Anarchie ist Chaos, Anarchisten sind Chaoten.'
Missverständnis 4: 'Anarchismus ist ein ethischer Ismus, basiert auf der Idee, das Menschen im Herzen gut sind.'
Missverständnis 5: 'Anarchismus ist als Ideal sehr schön, aber es ist in der Praxis unmöglich.'
Missverständnis 6: 'Anarchismus ist per Definition widerborstig.'
Missverständnis 7: 'Anarchismus ist schwierig, davon wird man nicht fröhlich.'
Missverständnis 8: 'Anarchistische Menschen sind nie einer Meinung.'
Missverständnis 9: 'Anarchistische Menschen können nicht zusammenarbeiten.'


 


 


Atalanta, Utrecht